Offline vs. Online – Besprechungen, Meetings und Konferenzen
Offline vs. Online Veranstaltungen

Offline vs. Online – Besprechungen, Meetings und Konferenzen

Spätestens seit die Corona-Maßnahmen im März 2020 (Stichwort Lockdown) verordnet wurden, kennt sie im beruflichen Kontext jeder: Online-Konferenzen, Online-Meetings, Online-Besprechungen, Online-Kickoffs, Online-Messen. Zu Beginn wurde das Offline-Format in eine Video-Konferenz gepresst. Jetzt zeigen die ersten Erfahrungen, dass die Teilnahme an Online-Veranstaltungen ein Energieräuber ist. In diesem Beitrag zeige ich auf, warum dies so ist, und was jeder dagegen tun kann.

Zusammenfassung und Empfehlung

Online-Veranstaltungen unterscheiden sich grundlegend von Offline-Veranstaltungen. Ob ich mich virtuell oder real treffe, macht einen entscheidenden Unterschied! Diesen gilt es bei der Konzeption und Durchführung zu berücksichtigen. Er erfordert vom Veranstalter, von den Teilnehmern und vom Moderator ein grundlegendes Umdenken.

Dieser Artikel gibt eine Übersicht in die zu beachtenden Handlungsebenen. Beispielhaft vertieft er ausgewählte Aspekte und nennt Fallstricke in der Umsetzung.

Unterschiede real vs. virtuell

Mit der ‘Themenzentrierte Interaktion‘ (TZI) nach Ruth Cohn liefert eine hilfreiche Perspektive für eine gelungene Unterscheidung von räumlichen Veranstaltungen (Offline) und Veranstaltungen über das Internet (Online). Unter Veranstaltung wird jede Zusammenkunft verstanden, die Menschen gezielt besuchen, z. B. Besprechungen, Meetings, Konferenzen, Webinare, Schulungen, Trainings. Spezielle Online-Formate sind Webinare, Video-Calls, …

Die TZI beschreibt das soziale System in vier Ebenen:

In nachfolgender Tabelle werden Offline- und Online-Veranstaltungen auf Basis dieser vier Ebenen unterschieden.

Ebene Offline Online
Globale-Ebene Anreise erforderlich Anreise nicht erforderlich
physische 3D-Präsenz am Ort mögliche virtuelle 2D-Präsenz
Räumlichkeiten wenig vertraut Räumlichkeiten vertraut
direkte Kommunikation möglich indirekte Kommunikation über Hilfsmittel
Verpflegung vor Ort wird gestellt Verpflegung selbst organisieren
Ich-Ebene relativ freie Wahl der Blickrichtung im Raum vorgegebenes Blickfeld (Kamera, Bildschirm)
keine Anwendungskompetenz erforderlich Anwendungskompetenz (Bedienungskompetenz) zwingend erforderlich
neue Kontakte einfach möglich neue Kontakte schwierig
2er Gespräche leicht realisierbar 2er Gespräche nur per Chat
Wir-Ebene soziale Regeln bekannt soziale Regeln vage oder unklar
gemeinsamer Rhyhtmus spürbar gemeinsamer Rhythmus oberflächlich
Dichte leiblich greifbar Dichte schattenhaft
soziale Integration durch Anwesenheit soziale Isolation durch Videoübertragung
Gesprächskreise selbstbestimmt möglich Gesprächskreise fremdbestimmt möglich (Breakout Räume)
Augenkontakt möglich Augenkontakt über technische Schnittstelle unmöglich
direkte Rückmeldung über eigene Wirkung auf andere kaum Rückmeldung über eigene Wirkung auf andere
Zufallskontakte möglich Zufallskontakte ausgeschlossen
vielfältige Rückzugsmöglichkeiten keine Rückzugsmöglichkeiten
Pausengespräche mit Themenbezug möglich keine Pausengespräche
zahlreiche unterschiedliche Gesprächsformate möglich Monologe dominieren
Ansprechpartner direkt ansprechbar Ansprechpartner schwer ansprechbar
Es-Ebene direkte, komplexe Informationsaufnahme (sehen, hören, riechen, fühlen, ...) indirekte, reduzierte Informationsaufnahme (Bildausschnitt, Tonausschnitt)
Unterlagen werden vor Ort auf Papier verteilt Unterlagen werden digital bereitgestellt
Abwechslung durch Interaktionsformate möglich wenige Interaktionsformate durch Technikzentrierung und Unerfahrenheit

Das Medium einer Veranstaltung – Offline oder Online – ist deshalb nicht zu vernachlässigen. Im Gegenteil, es spielt eine entscheidende Rolle für wirksame Veranstaltungen.

»The medium is the message.«
Marshall McLuhan

 

Wichtiger Begriff: The medium is the message
Marshall McLuhan prägte diesen bekannten Satz in den 1960ern. Die Kernbotschaft ist, dass das Medium der Nachricht nicht neutral ist, sondern es einen Unterschied macht, über welches technische Medium die Nachricht übermittelt wird. Technische Medien und die menschliche Sinneswahrnehmung hängen für McLuhan eng zusammen. Treffen sagte er: »Nicht der übertragene Inhalt, sondern die Charakterstiken eines Mediums bestimmen die gesellschaftliche Wirkung.«

Beispielhaft vertiefe ich drei Unterschiede:

A. Rückmeldung über das eigene Wirken

In einer Gruppe sucht der Mensch zuerst Sicherheit und Orientierung. Er sucht bewusst und unbewusst Antworten auf folgende Fragen: Bin ich hier sicher? Sind sie mir freundlich oder feindlich gesinnt? Kann ich mich hier öffnen, oder nicht? Wie reagieren die Anderen auf meine Präsenz?

In Offline-Treffen gibt es zahlreiche Impulse, die jeder wahrnimmt (bewusst oder unbewusst) und diese verarbeitet. Online fehlen viele dieser Informationen (Körperhaltung, Interaktionen mit anderen Teilnehmern, Bewegungsmuster, soziales Verhalaten, …) – und unser Gehirn sucht trotzdem unentwegt weiter. Einer der Haupt-Energieräuber bei Online-Veranstaltungen!

Dieser Suchprozesses kostet nicht nur Energie, es liefert vor allem keine verwertbaren Informationen. So gibt es bei Online-Veranstaltungen für die Teilnehmer keine ausreichende Rückmeldungen über die eigene Wirkung auf andere. Damit fehlen entscheidende Impulse, um sein Verhalten an die Gruppe (den sozialen Raum mit sozialen Regeln) anzupassen. Zurückhaltung und Rückzug sind die Folge.

»Bei der Kommunikation über Video findet eine Art Entkoppelung statt: Während das Gesagte sowie ein Teil der Mimik und Gestik beim Gegenüber ankommen, werden andere Reize, die für die soziale Ebene der Kommunikation wichtig wären, nicht oder nur sehr eingeschränkt übermittelt.«<
Prof. Dr. Carmen Zahn

B. Augenkontakt

Dem Gegenüber bei einem Gespräch in die Augen zu schauen, gilt in unserem Kulturkreis als respektvoll und höflich. Dies nicht zu tun, irritiert den Gesprächspartner und wird als negatives Verhalten eingestuft. Bei Online-Veranstaltungen ist Augenkontakt aus technischen Gründen nicht möglich. Ich kann entweder in die Kamera schauen – oder dem Gesprächspartner id die Augen – aber nicht beides gleichzeitig!

Da wir unbewusst den Augenkontakt suchen, frustrieren wir uns selbst und verbrauchen bei dieser Suche unnötig Energie. Besser ist es, die Kamera so aufzustellen, dass der eigene Blick annäherungsweise mit dem gewünschten Sichtfeld übereinstimmt.

C. Fehlende soziale Regeln und Normen

Wenn wir uns in einem realen Konferenzraum persönlich treffen, entfaltet sich ein sozialer Raum. Dort sind die sozialen Regeln bekannt und viele Jahre eingeübt. Notfalls kann orientiert man sich an den anderen Teilnehmern.

Bei virtuellen Veranstaltungen entfaltet sich ebenfalls ein sozialer Raum. Die sozialen Regeln sind jedoch kaum erarbeitet, nicht allgemein gültig und selten bekannt. Erste Ansätze werden dem Begriff ‘Netiquette’ zugeordnet. Damit ist es während einer Online-Veranstaltung schwer, sich an gültige sozialen Regeln zu halten. Die Orientierung an anderen Teilnehmern ist ebenfalls schwierig, weil die meisten nur dasitzen und in die Kamera schauen.

Die Unkenntnis von sozialen Regeln verunsichert und kostet Energie, die uns am Abend fehlt.

Wichtiger Begriff: Sozialer Raum
Durch die Zusammenkunft von Menschen auf einer Veranstaltung (Offline wie Online) entsteht ein sozialer Raum. Unterschiedliche Akteure treten durch Raum und Zeit in Verbindung. Der soziale Mantel einer Gruppe breitet sich unausweichlich aus. Es geht um ein sehen und ein gesehen werden. Jeder schränkt seine Freiheit während der Veranstaltung ein. Folgende Fragen sind im sozialen Raum: „Wer werde ich für die anderen sein?“ „Wer sind die anderen?“ „Kann ich hier vertrauen?“ „Welche Rolle kann, darf und will ich hier spielen?“

Rückständige Praxis

Viele Online-Formate berücksichtigen diese Unterschiede nicht oder nur ansatzweise. Die Folgen: Ermattung, Erschöpfung, Unzufriedenheit, Abgeschlagenheit während und nach Online-Veranstaltungen. ‚Zomm Fatigue‘ hat sich als Fachbegriff dafür etabliert. Wobei Zoom stellvertretend für die Anbieter von Video-Konferenzsystemen steht.

Doch dies ist nicht zwangsläufig das Ergebnis einer Web-Veranstaltung. Aus den dargestellten Unterschieden ergeben sich klare Handlungsfelder, die bei der Konzeption und Durchführung von Online-Veranstaltungen zu berücksichtigen sind.

Handlungsfelder Online-Veranstaltungen

Bei den Handlungsfelder unterscheiden wir drei Zielgruppen:

Handlungsfelder des Veranstalters

Der Veranstalter bestimmt das Thema und die Referenten für die Veranstaltung.

Seine Handlungsfelder sind wie folgt:

  • Festlegung auf klare Zielsetzung
  • Auswahl der technischen Plattformen für die Veranstaltung
  • stellt eine Möglichkeit bereit, dass Teilnehmer den Zugang vorab testen können
  • Entscheidung über zeitliche Taktung der Interaktionsformate
  • Abstimmung mit den Referenten über die Inhalte und deren Darstellung, Vermittlung und spätere Bereitstellung
  • steuert den Einladungs- und Anmeldeprozess, integriert die Teilnehmer frühzeitig in den inhaltlichen Prozess
  • übernimmt die Kommunikation mit den Teilnehmern vor, während und nach der Veranstaltung
  • gezielte Reduzierung der Unsicherheit bei den Teilnehmern vorab und während der Veranstaltung
  • Förderung der Orientierung im Veranstaltungsprozess für die Teilnehmer
  • Schaffung von klaren Teilhabemöglichkeiten im Veranstaltungsprozess für die Teilnehmer
  • Angebot von Resonanzräumen und Resonanzformaten für die Teilnehmer
  • stellt einen festen Ansprechpartner während der Online-Veranstaltung zur Verfügung für die Teilnehmer zur Verfügung
  • Berücksichtigung der biologischen, sozialen und individuellen Anforderungen für eine wirksame Teilnahme an Online-Veranstaltungen
  • Sicherstellung einer Gesamtkonzeption unter Berücksichtigung der Besonderheiten von Online-Veranstaltungen
Wichtiger Begriff: Resonanz
Der Mensch strebt nach Resonanz, er strebt danach, dass sein Sein für andere einen Unterschied bedeutet. Die schlimmste Strafe für einen Menschen ist, wenn er keine Resonanz mehr erfährt, wenn er für andere Luft ist. Resonanz ist in diesem Sinne eine Bestätigung seines Seins. Neben der Resonanz seiner Person durch sein Umfeld, wirkt das Umfeld auf die Person. Resonanz geht über die bewusste Wahrnehmung hinaus. Vieles wirkt auf uns, obwohl wir es nicht wahrnehmen (z. B. Strahlung, Energie im Raum (dicke Luft), ...).

Zwei Themen greife ich heraus und erläutere sie detaillierter.

1. Auswahl der technischen Plattformen

Meist wird zuerst die technische Plattform ausgewählt (“wir machen das immer mit Zoom/Webex/Blizz …”) und danach die Inhalte und Ziele definiert. Das erinnert mich in diesen alten Spruch:

»Wer nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.«Unbekannt

Die Auswahl der Plattform/-en steht am Ende der Konzeption. Erst dann sind alle Anforderungen bekannt, auf deren Basis die Plattformen verglichen und ausgewählt werden können.

Damit kommen wir zum zweithäufigsten Fehler. Es wird nur eine Plattform ausgewählt. Dabei ist es ermüdend, den ganzen Tag in einer Plattform (z. B. Zoom) zu verbringen. Unterschiedliche Plattformen sorgen für mehr Abwechslung, erhöhen die Wirksamkeit und steigert die Lust und die Motivation der Teilnehmer. Die unterschiedlichen Bedürfnisse der Teilnehmer werden besser berücksichtigt. Abhängig vom Thema können verschiedene Interaktionsformate eingesetzt werden.

Eine Übersicht möglicher Plattformen beschreibe ich in dem Beitrag Die besten Tools für Online-Besprechungen.

2. Erstellung einer Gesamtkonzeption

Viele Formate bestehen aus einer sequenziellen Abfolge von Präsentationen, Vorträgen und Workshops. Wobei in Workshops ebenfalls ein Vortrag mit Präsentation gehalten wird, am Ende mit einer kurzen Diskussion oder Fragerunde.

Folgende Aspekte werden vernachlässigt:

  • aufeinander aufbauende Elemente (roten Faden)
  • ganzheitlicher Spannungsbogen (wie ein guter Geschichtenerzähler)
  • gezielten Einsatz von zeitlicher Taktung (statt Standardzeiten)
  • wirksame Interaktionselemente (Blitzlichter, Umfragen, Schwarze Bretter, …)

Trotz aller Vorbereitung gilt es zu beachten, während der Veranstaltung nicht in einen starren Vollzug der Planung zu verfallen, sondern offen zu sein für den Prozess.

»Jeder Plan muss falsch sein, da nie alle Faktoren bekannt sein können und so auch nie der Prozess, der sich aus vielfältigen Geschehnissen zwischen verschiedenen Menschen und Sachlagen ergibt, genau vorhergesehen werden kann. Vorplanen mit allen bekannten Faktoren und Wahrscheinlichkeiten und Offen-Sein für Wahrnehmung im Hier-und-Jetzt des Prozesses, um notwendige Umstellungen vorzunehmen zu können. Starre Planung und Planlosigkeit sind gleichermaßen unbrauchbar.«Ruth Cohn

Handlungsfelder des Teilnehmers

Neben dem Veranstalter hat jeder Teilnehmer entscheidenden Einfluss auf eine gelungene Online-Veranstaltung.

Seine Handlungsfelder sind folgende:

  • eine Video-taugliche Umgebung schaffen
  • die erforderliche Plattform bedienen und gezielt einsetzen können
  • sich auf die Online-Veranstaltung vorbereiten, Rückfragen beim Veranstalter stellen, wenn etwas unklar ist
  • vor längeren Online-Veranstaltung für ausreichend Bewegung sorgen
  • kein Multitasking (E-Mail, Messenger, …) während der Online-Veranstaltung
  • seinen eigenen Fokus bewusst auswählen
  • den Zugang vorab testen
  • sich 10 bis 15 Minuten vor dem offiziellen Beginn einfinden
  • Pausen für Vernetzung, Erholung und Bewegung nutzen
  • jeden Beitrag mit seinem Namen beginnen (“Paul Müller, …”) und das Ende klar kommunizieren (“Ende!”)
  • Stumm-schalten, wenn man nicht spricht
  • sich von der Vorstellung verabschieden, dass man Augenkontakt herstellen kann
  • Fragen konkret an eine Person oder mehrere Personen richten, nur einmal nachfragen

Zwei Themen greife ich beispielhaft heraus:

1. Video-taugliche Umgebung schaffen

Wer einen Rechner mit Kamera und Mikrofon nutzt, ist damit nicht automatisch für eine Videokonferenz gerüstet. Jeder, der an einer Online-Veranstaltung teilgenommen hat, kennt diese Erlebnisse:

Licht

  • Gegenlicht (hinter dem Teilnehmer ein Fenster/Lampe)
  • zu helles/dunkles Licht
  • Licht von nur einer Seite (Schatten im Gesicht)

Ton

  • Tonaussetzer
  • konstant zu leise/zu laut
  • Rauschen im Hintergrund
  • störende Hintergrundgeräsuche

Bild

  • zu nah vor der Kamera oder zu weit weg
  • Teilnehmer nutzt das Handy und läuft rum (Hintergrund ändert sich ständig)
  • Menschen tauchen plötzlich im Hintergrund auf
  • ablenkender Hintergrund (Regale mit Büchern, Blick auf eine Straße, …)

Mit einer separaten Lichtquelle für Video-Konferenzen, einer modernen Videokamera (die frei positioniert werden kann) und einem externen Mikrofon steht die Basis. Wer es dann noch schafft, störende Hintergrundgeräusche/Hintergrunderscheinungen zu vermeiden und einen ruhigen Hintergrund wählt, macht einen großen Schritt hin zu einer video-tauglichen Umgebung.

 

2. Seinen eigenen Fokus bewusst auswählen

Aufmerksamkeit kostet Energie. Deshalb gilt es, seinen Fokus der Aufmerksamkeit ökonomisch einzusetzen. Wer gleichzeitig 25 Teilnehmer per Videoausschnitte sieht, ist hoffnungslos überfordert und verschwendet seine Energie

Niemand kann 25 Menschen gleichzeitig beobachten. Er ist ständig abgelenkt und springt von einem Bild zu anderen. Zu alledem gibt es noch das eigene Video-Bild, das ständig einlädt sich zu prüfen und seine Haltung, Gestik, Mimik zu anzupassen. Beides (25 Teilnehmer und fortlaufende Selbstoptimierung) würde sich in einer realen Veranstaltung niemand antun.

Das Problem ist nicht nur eine Zer-Streuung/Vergeudung seiner Aufmerksamkeit, das Problem wiegt schwerer, weil unser Unbewusstsein nach Signalen sucht, um sich zu orientieren, sich sicher zu fühlen. Im realen Leben gewinnen wir diese Orientierung und Sicherheit durch die bewusste und unbewusste Wahrnehmung von vielen Details (Geruch, Stimmung, Körperhaltung als Prozess, …). Viele Kanäle stehen Online nicht zur Verfügung, deshalb interpretiert unser Gehirn fortlaufend die vorhandenen visuellen und auditiven Signale (es versucht verzweifelt aus dem Wenigen etwas aussagekräftiges zu erkennen) und verbraucht dadurch zu unnötige Energie in einer Endlosschleife. Einer der Gründe, warum wir am Abend erschöpft sind.

Darüber degradiert uns die Technik zu passiven Beobachtern. Wir sind einerseits angehalten, ständige Präsenz zu simulieren (in die Kamera, auf den Bildschirm schauen), andererseits haben wir keinen Einfluss, was oder wer dort gezeigt wird. Schalten dann noch einige Teilnehmer ihr Mikrofon nicht auf stumm, so wechselt das Videobild des Sprechenden alle paar Sekunden – und verstärkt dies noch. Die Kombination zwischen Präsenz zeigen und keinen Einfluss auf das zu schauende zu haben, raubt Energie und erhöht die Unzufriedenheit.

 

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Handlungsfelder des Moderators | Facilitators

Die gängige Sichtweise, dass ein Moderator während der Veranstaltung moderiert und ein paar Fragen stellt, greift zu kurz. Der englische Begriff des Facilitators (Ermöglicher) ist treffender. Der Facilitator bereitet einen „Raum“ vor, indem die Zielsetzung des Veranstalters sich erfüllen kann.

Dazu zählt eine professionelle Konzeption der Online-Veranstaltung. Diese entscheidet maßgeblich über den Erfolg, in diesem Sinne die Zielerreichung. Die folgende Moderation der Veranstaltung, die es professionell und souverän zu meistern gilt, ist der für die Teilnehmer sichtbare Teil seiner Arbeit. Über den Erfolg einer Veranstaltung entscheidet zu über 50 % eine gewissenhafte Vorbereitung.

 

Handlungsfelder sind:

  • Klärung der Zielsetzung mit dem Veranstalter
  • Erstellung eines Veranstaltungs-Designs, indem erläutert wird, wie diese Zielsetzung realisiert werden kann
  • Beratung des Veranstalters bei der Auswahl von wirksamen Interaktionsformen und von den richtigen Plattformen
  • Darstellung und Verfolgung eines roten Fadens für die Veranstaltung
  • Erläuterung der Regeln für alle Teilnehmer, inkl. der Möglichkeiten sich einzubringen
  • Sicherstellung einer förderlichen Kommunikation die relevanten Informationen enthält, um unnötige Verzögerungen, Unsicherheiten und Orientierungsprobleme zu vermeiden
  • Ansprechpartner während der Veranstaltung für alle sein (Veranstalter, Teilnehmer, …)
  • Backup und Springer für digitale Ausfälle (jemand fliegt aus der Leitung usw.)
  • auf ausreichend Pausen achten, bereits in der Planung
  • einen Vorab-Zugang ermöglichen und Teilnehmern Unterstützung bei der richtigen Bild- und Toneinstellung geben, reicht die Bandbreite und was kann man tun, um diese kurzfristig zu erhöhen
  • den Raum 30 Minuten vorab öffnen und kommunikative Angebote vorbereiten
  • den visuellen Fokus der Teilnehmer bewusst auswählen und unterstützen
  • das Miteinander durch interaktive Formen fördern und den Austausch ermöglichen
  •  …

Zwei Themen greife ich beispielhaft heraus:

1. Erstellung eines Veranstaltungs-Designs

Ein Veranstaltungs-Design ist das Kernstück einer wirksamen Veranstaltung (Offline wie Online). In ihr sind alle wesentliche Informationen enthalten, inklusive Zielsetzung, Erfolgsfaktoren, Methodenauswahl, Plattformauswahl, Programm, Rollenklärung, Anmeldeprozess, wichtige Prozesstermine, grafische Konzeption …

Es gilt die Pausen im Ablauf richtig zu setzen und die zeitliche Dauer auf die Online-Besonderheiten anzupassen. Insbesondere ist zu überlegen, wie die für reale Treffen wertvolle Kaffeepause auch Online zum Netzwerken genutzt werden kann. Pausen sind für die Musik ebenso elementar, wie diese für Veranstaltungen gilt.

»Musik beginnt nicht mit dem ersten Ton, sondern mit der Stille davor, und sie endet nicht mit dem letzten Ton, sondern mit dem Klang der Stille danach.«
Giora Feidman

Erst durch dieses Gesamtbild werden Zusammenhänge und Abhängigkeiten sichtbar. Erst jetzt können kritische Faktoren erkannt und abgesichert werden. Erst jetzt kann die Gesamtkommunikation durchgängig gestaltet werden.

Online-Veranstaltung sind von der Technik abhängig. Selbst eine optimale Vorbereitung schützt nicht davor, dass während der Veranstaltung die Technik versagt (z. B. wichtige Referenten nicht Online gehen können). Ein wirksamer Moderator geht mit diesen Situationen professionell um und integriert diese fast lautlos in die Veranstaltung.

 

2. Sicherstellung einer förderlichen Kommunikation

Durch das – für viele Teilnehmer neuartige Online-Format – stehen viele Fragen der Teilnehmer unbeantwortet im Raum. Jede unbeantwortete Frage zieht Aufmerksamkeit aus dem Prozess und der Veranstaltung ab.

Mögliche Themen:

  • Transparenz über den zeitlichen Prozess,
  • Klarheit über die relevanten Informationen (wann erhalte ich die Zugangsdaten)
  • Möglichkeiten sich im Vorfeld einzubringen
  • Rollenverteilung in der Veranstaltung
  • Erwartungen an die eigene Teilnahme

Je gezielter diese Fragen beantwortet werden, desto erfolgreicher kann die Online-Veranstaltung werden, weil die Aufmerksamkeit nicht auf Nebenschauplätzen verschwindet.

Neben der Klärung von Fragen dient die Kommunikation der Erwartungsbildung. Die Teilnehmer bilden sich – ob man das möchte oder nicht – Erwartungen über die bevorstehende Veranstaltung. Im Sinne einer wirksamen Veranstaltung gilt es deshalb über die Kommunikation die Erwartungsbildung in realistische Bahnen zu lenken. Sonst kommt es in oder nach der Veranstaltung zu – für den Veranstalter – unverständlichen Unmutsäußerungen.

In der Veranstaltung setzt sich dieses Erwartungsspiel zwischen allen Akteuren fort, es wird Erwartungs-Erwartungen genannt. Hier obliegt es dem Moderator dies vorbeugend, elegant und verständlich anzusprechen.

Misslingt die Kommunikation, so startet die Online-Veranstaltung mit negativen Vorzeichen:

  • manche kommen zu spät,
  • andere haben doch keinen Zugang,
  • einige haben zu Beginn technische Probleme

Mit einem schlechten Start sinkt die Stimmung bei den Teilnehmern, die pünktlichen werden unruhig, die gut Vorbereiteten ärgerlich und nachfolgende Referenten nervös, weil die zusätzliche Zeit eingespart werden muss.

 

Wichtiger Begriff: Erwartungs-Erwartungen
Jeder Akteur erwartet, dass die anderen ihn ebenfalls beobachten und bewerten. Das eigene Verhalten wird dementsprechend angepasst und gesteuert. Die Unsicherheit wird mit Sicherheit überspielt, jede Angriffsfläche wird vermieden. Ein gegenseitiger Maskenball findet statt. Jeder agiert im Scheine einer Sicherheit und fühlt sich dabei höchst unsicher. Ein Phänomen der Online- und Offline-Welt.

Dankbare Teilnehmer

Online-Veranstaltungen bieten große Chancen. Die Berücksichtigung der dargestellten Handlungsfelder erhöhen die Wirksamkeit von Online-Veranstaltungen immens. Dabei geht es nicht darum, alle Punkte auf einen Schlag umzusetzen. Sondern sich zuallererst klar zu machen, dass es signifikante Unterschiede zu Offline gibt – die es zu berücksichtigen gilt!

Wer es zusätzlich schafft eine spielerische Leichtigkeit einzuflechten, der besticht nicht nur durch Professionalität, sondern auch durch eine angenehme und förderliche Atmosphäre. Diese Online-Veranstaltungen können damit ihren eigenen Zauber entfalten. Frei nach Neil Young (Musiker).

»Hören wir auf zu träumen. Gehen wir es richtig an, professionell, und ohne den Zauber der Musik zu verlieren.«
Neil Young

Mit dieser Grundhaltung und den obigen Impulsen kann jeder Veranstalter Schritt für Schritt seine Online-Veranstaltungen verbessern. Die Teilnehmer werden es ihm danken.

Vertiefende Links

Neue Züricher Zeitung: Gollmer, Philipp. «Zoom-Müdigkeit»: Warum kosten uns Videoanrufe so viel Energie? Letzter Aufruf am 10.10.2020.

Süddeutsche Zeitung: Moorstedt, Michael. Warum Zoom die Menschen so müde macht Letzter Aufruf am 10.10.2020.

t2informatik: Zoom Fatigue Letzer Aufruf am 10.10.2020.

Zeit.de: Zoom & Co. Was tun gegen die Videokonferenz-Erschöpfung? Letzer Aufruf am 10.10.2020.

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