Was ist ein sokratisches Gespräch / ein Sokratischer Dialog?

Fast jeder kennt Sokrates. Viele kennen das Sokratische Gespräch. Doch die wenigsten wissen, was es genau ist. Welche großes Potenzial in sich birgt, welche Fallen es dabei gibt und wie es im Laufe der letzten 2000 Jahre weiterentwickelt wurde. Erfahre in diesem Artikel was ein Sokratisches Gespräch | Sokratischer Dialog ist, was du beachten musst und wie die Weiterentwicklungen den Charakter des Sokratischen Dialogs verändert haben.

Zielgruppe des Artikels

  • Menschen, die mehr über das Sokratische Gespräch / den Sokratischen Dialog erfahren wollen.
  • Menschen, sich näher mit dem Thema gelingender Kommunikation beschäftigen wollen.
  • Menschen, die mit der bestehenden Art und Weise miteinander zu sprechen unzufrieden sind, und Alternativen suchen.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsklärung

In diesem Artikel verwende ich die Begriffe Sokratisches Gespräch, Sokratischer Dialog und Sokratische Methode bedeutungsgleich, synonym. Darüber hinaus gibt es in der Literatur vielfältige Begriffe für diese Art von Gespräch.

Geschichtliche Entwicklung

Wer war Sokrates?

Sokrates soll von 469 bis 399 vor unserer Zeitrechnung im antiken Athen (Griechenland) gelebt haben. Von Sokrates gibt es keine schriftlichen Ausführungen. Platon (427 bis 347 vor unserer Zeitrechnung) hat es als erster schriftlich niedergelegt. Schlusspunkt seines Lebens war der Schierlingsbecher, der seinen Tod nach einem Gerichtsurteil gegen ihn herbeiführte.

Platon wird teilweise auch Plato genannt. Dies ist die lateinisch Schreibweise. Altgriechisch schreibt man Plátōn (Πλάτων).

Wie entstand das Sokratische Gespräch?

Das Sokratische Gespräch geht auf Sokrates zurück. Lange Zeit war es ein bekanntes Modell für die Erkenntnisführung, welches oft mit der Hebammenkunst (Mäeutik/Maeeutik) bezeichnet wird. Bis Kaiser Justinian I. die Sokratische Methode im Jahre 529 nach unserer Zeitrechnung im Zuge des Verbots der Platonischen Akademie untersagte. Damit endete diese Art und Weise zu philosophieren, seinen Geist zu stärken, seine Gedanken zu sortieren und selbsttätig zu denken.

Wer entwickelte es weiter?

Es dauerte über 1000 Jahre, bis im Zuge der Aufklärung Immanuel Kant (1724 bis 1804) den Sokratischen Dialog wieder aufgriff. Jakob Friedrich Fries (1773 bis 1843) passte das es an die Gegenwart an und inspirierte damit Leonard Nelson (1882 bis 1927), der es zur Sokratischen Methode (oder zum Neo-Sokratischen Gespräch, Sokratisches Gespräch 2.0) weiterentwickelte. In unsere Zeit trug es Gustav Heckmann (1898 bis 1996) und ergänzte es um Elemente der Themenzentrierten Interaktion (nach Ruth Cohn), insbesondere um das Metagespräch.

Verbindung zum Höhlengleichnis​

Seine Wirkungsweise kann aus dem Höhlengleichnis von Platon (Politeia – Der Staat, Siebtes Buch, 514a – 517a) abgeleitet werden: Jeder muss das Licht der Welt selbst erblicken! In diesem Sinne kann jeder wirkliche Erkenntnis nur durch sich selbst erlangen.

Definition Sokratischer Dialog

Ausgehend von den Platonischen Dialogen ist es ein Gespräch zwischen (meist) zwei Personen, von denen einer Sokrates ist. Zu Beginn stellt Sokrates seinem Gegenüber eine Frage. Die Antwort nimmt Sokrates auf, um dem Antwortenden in kürzeren oder längeren Monolagen aufzuzeigen, dass er falsch liegt. Am Ende dieser Monolage stellt er erneut eine Frage – meist rhetorisch-geschlossene Fragen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können.  Dies wiederholt sich so lange, bis der Gesprächspartner sein Nicht-Wissen, seine Unsicherheit und seine Verlegenheit eingesteht (Aporie).

Bedeutung von Wissen und Nicht-Wissen

Spannend ist in diesem methodischen Vorgehen (Elenktik, siehe unten) die Bedeutung und Zuschreibung von Wissen bzw. Nicht-Wissen. Zu Beginn stellt sich Sokrates als Nicht-Wissender da, der die Hilfe des Wissenden braucht.

Im Laufe des Gesprächs dreht sich dieses Bild jedoch komplett. Sein Gegenüber erkennt sein Nicht-Wissen und Sokrates hat ihn mit
seinen Aussagen und Fragen verwirrt und Zweifel und Staunen ausgelöst. Heute könnte man das als Herbeiführung einer kognitiven Dissonanz, eines Problembewusstseins beschreiben. Damit möchte Sokrates Ausgangsbedingungen für neue Denkwege beim Antwortenden herstellen.

Mit dem Nasenring durch die Menge

Immer mehr wird Sokrates zum Wissenden und der Gegenüber zum Nicht-Wissenden. Diese Dynamik lässt den Dialogpartner für Außenstehende „dumm“ aussehen. Oder wie Prof. Dr. Frank Ernst schreibt: „Sokrates gibt vor, nichts zu wissen, führt den Gesprächspartner aber dennoch durch seine Fragen wie am Nasenring durch die Manege.“. Was sicherlich nicht zur Beliebtheit von Sokrates beigetragen hat.

Lernen ist Wiedererinnern

Seine Grundannahme ist, dass Lernen ein Wiedererinnern (griechisch Anamese) darstellt. Er begründet dies mit der Wiedererstehung der Seele (Wiedergeburt), die in vorherigen Leben bereits alles Wissen sich angeeignet hat und somit über dieses Wissen verfügt. Es geht im Dialog „nur“ noch darum, den Dialogpartner durch Fragen zu seinem Wissen zu führen.

In diesem Sinne ähnelt es dem Verhalten eines Coaches, der seine Kunden durch Fragen zu neuen Einsichten/Wissen führt.

Zentrale Elemente

Zwei wesentliche Elemente des Sokratischen Dialogs:

  1. Die Erkenntnis der Unwissenheit, Ratlosigkeit (Aporie) beim Gesprächspartner. Er dadurch entsteht wirkliches denken und hinterfragen. Darum heißt es, dass Sokratische Gespräche aporetisch enden.
  2. Im Zustand der Aporie führt Sokrates den Dialogpartner nicht zu abstrakten Themen, sondern schärft seine Beobachtungsgabe durch hypothetischer Beispiele aus handwerklichen Berufen. Sein Weg führt vom Allgemeinen zum Besonderen. Deshalb gilt er bei einigen als Vater der Deduktion. Sokrates regte an, die eigenen Gedanken fortwährend an der Beobachtung seiner Realität zu prüfen.

Wer selbst diese Dialoge nachlesen möchte, dem empfehle ich die Dialog des Menon (Text mit griechischem Original und Auszug) oder des Theaitetos (Text und Interpretation).

Sokratische Fragen oder sokratische Fragetechnik

Als Teil des Sokratischen Gesprächs lassen sich unterschiedliche Fragetechniken, die sogenannten sokratischen Fragen, identifizieren. Sechs Fragetechniken gibt es:

  • Kannst du mir ein Beispiel dafür geben?
  • Kannst du das näher erläutern?
  • Sagst du, dass …?
  • Welches Problem versuchst du zu lösen?
  • Ist das immer der Fall?
  • Nimmst du an, dass …?
  • Wie könntest du diese Annahme bestätigen oder widerlegen?
  • Was würde passieren, wenn …?
  • Warum sagst du das?
  • Woher weißt du das?
  • Warum?
  • Welche Daten/Beweise gibt es, die dies unterstützen?
  • Warum tun sie dies?
  • Gibt es Alternativen?
  • Was ist die andere Seite des Argumentes?
  • Warum ist deine Perspektive besser?
  • Wer ist betroffen und was würde die Betroffenen sagen?
  • Was sind die Folgen/Konsequenzen davon?
  • Wenn betrifft das?
  • Was wäre, wenn du falsch liegst?
  • Wie könntest du herausfinden, dass du falsch liegst?
  • Was sagt deine Erfahrung, was passieren wird?
  • Warum glaubst du, habe ich gefragt?
  • Was bedeutet … für dich?
  • Was ist das Zentrale dieser Frage?
  • Was könnte ich noch fragen?

Die Bedeutung von Elenktik

Die Gesprächsführung der sokratischen Methode wird Elenktik (griechisch élenchos, έλεγχος: Fragen, Prüfen, Widerlegen) genannt. Dieses methodische Verfahren soll den Wissenstand des Dialogpartners prüfen und ihm zu neuen Erkenntnissen führen. Platon bezeichnete dieses Verfahren als Reinigung der Seele in der Auflösung von Scheinwissen durch prüfendes Fragen (Sophistes 230d).

Manche bezeichnen diese Fragetechnik als eine naiv-zugewandte Fragetechnik. Als Beispiel ein Auszug aus dem Dialog den Menon, indem Sokrates sagt: „Auch mir selbst, Menon, geht es ebenso: ich teile die Armut in dieser Sache mit meinen Landsleuten und tadle mich genug darüber, daß ich gar nichts von der Tugend weiß. Wovon ich aber gar nicht weiß, was es ist, wie soll ich davon irgendeine besondere Beschaffenheit wissen?“

Einsatz in der Psychologie

In der Psychologie, kognitive Verhaltenstherapie findet der Sokratische Dialog durch sogenannte Disputationsfragen seine Anwendung. Diese sind:

  • empirische Disputation, aus der Erfahrung, aus der Beobachtung heraus
  • hedonistische Disputation, Fragen nach Nützlichkeit, nach dem Befinden
  • logische Disputation, Aufdeckung von Widersprüchen
  • originäre Disputation, Quelle des Gedankens hinterfragen

Mehr zu diesem Thema mit vielen Beispiele für Disputationsfragen in dem Video von Diplom Psychologin Franziska Luschas.

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Die Weiterentwicklung:
Das Sokratische Gespräch 2.0

In der Linie Immanuel Kant, Jakob Friedrich Fries, Leonard Nelson, Gustav Heckmann und Detlef Horster wurde der Sokratische Dialog in die Neuzeit gebracht.

Vor allem Leonard Nelson leistete dabei wesentliche Anpassungen des Sokratischen Gesprächs an unsere Zeit. Manche bezeichnen dies als das neoskratische Gespräch.

Gustav Heckmann geboren 1989 in Voerde, gestorben 1996 in Hannover war ein deutscher Lehrer, Philosoph und Mitglied der SPD.

Leonard Nelson geboren 1882 in Berlin und gestorben 1927 in Göttingen war ein deutscher  Philosoph und Mathematiker mit den Arbeitsschwerpunkten Logik und Ethik.

Ein klares Bild des Sokratischen Gesprächs nach Nelson ergibt sich am besten aus einer kurzen Gegenüberstellung zum Sokratischen Gespräch nach Platon:

 Sokratisches Gespräch nach PlatonSokratisches Gespräch nach Nelson
ZielsetzungDurch Fragen zum selbstdenken anregenErkenntnisgewinn, selbsttätiges Denken, Suche nach Gemeinsamkeiten
LernmodellSokrates zu Beginn der Schüler, übernimmt dann die LehrerrolleErkenntnis muss in der Person selbst entstehen, kann nicht eingetrichtert werden
Denkmodellbinäres Denken, richtig-falsch, 0-1, entweder-oderparadoxes Denken, richtig-richtig, sowohl-als-auch
Erkenntniskonzeptdie Suche nach allgemeinen Wahrheiten, wichtig sind Definitionen von Begriffenerzeugt keine neuen Erkenntnisse, sondern befördert das, was ursprünglicher Besitz der Person ist; Erkenntnisse als Hier-und-Jetzt Wahrheiten
Kommunikaitonsformasymmetische Kommunikation, Sokrates dominiert inhaltlich und durch Fragengleichwertige Akteure, keine inhaltliche Aussagen durch Leitung
AntwortmöglichkeitenZustimmung oder Ablehnung, was zur Antwort führt, spielt keine Rolleinhaltliche Auseinandersetzung erforderlich, eigene Gedanken wichtig
Leitungsinterventioneninhaltliche Monologe und geschlossene Frageninvolvierende offene Fragen
Anzahl Personenmeist 2 Personen, selten mehrGruppe von 6 bis 10 Personen
Argumentationhypothetische Beispiele aus handwerklichen BerufenBeispiele aus eigener Erkenntnis, eigenem Alltag
Gruppendynamikzu wenige Personen am Gespräch beteiligt Leitung entfesselt Frage- und Antwortspiel in der Gruppe
SchutzfunktionLeitung schützt vor Irrwegen und Sackgassen, nimmt diese verbal vorwegLeitung schützt nicht vor Irrwegen und Sackgassen, sind wichtiger Teil der Erkenntnis
Elementedas Sokratische Gesprächdie Sokratische Methode, Methode der regressiven Abstraktion, Metagespräch

Im Folgenden beziehen sich alle Ausführungen auf das Sokratische Gespräch nach Nelson (Sokratisches Gespräch 2.0).

Typischer Ablauf

Auf Basis der Fragestellung berichten die Beteiligten des Sokratischen Dialogs über ihre persönlichen Erfahrungen zum Thema. Die Erfahrungen weisen einen klaren Themenbezug auf, sie entspringen dem eigenen Erleben, ist bereits abgeschlossen (jedoch nicht zu weit entfernt), wahrt die persönliche Intimität, kann allgemein nachvollzogen werden und ist nicht zu komplex. Zur Vertiefung wählen jede/r eine dieser Erfahrungen aus.

Die Vertiefung umfasst die Klärung von Begriffen, die Sondierung zwischen Beobachtungen, Erklärungen und Bewertungen (Urteile). Wichtig ist dabei die Offenlegung von Wertung und Prinzipien, die hinter den Beobachtungen, Erklärungen und Bewertungen stehen (regressive Abstraktion). Am Ende folgt ein Gesprächsabschluss mit Würdigung der Erkenntnisse und der noch offenen Fragen. Bei Bedarf formuliert die Gruppe Fragen zum Nachklang des Sokratischen Gesprächs.

Wichtige Aussagen werden schriftlich für alle sichtbar festgehalten (roter Faden). Ziel ist nicht eine gemeinsame Meinung, sondern gemeinsames Denken. Am Ende findet ein Metagespräch statt, bei dem über das Sokratische Gespräch und dessen Ablauf, die Gruppendynamik und das Miteinander gesprochen wird. Dies leitet meist ein Mitglied der Gruppe oder ein externer Moderator das Sokratische Gesprächs.

Konstitutive Regeln und selbsttätiges Denken

Diese Regeln erachten beide als Grundlage für das Sokratische Gespräch:

  1. Jeder vernunftbegabte Mensch (ohne besondere philosophische Vorbildung) kann teilnehmen
  2. Alle sind gleichberechtigt in ihrem Bemühen um Erkenntnis.
  3. Alle sind zur Begründung ihrer Aussagen verpflichtet.
  4. Ausgangspunkt des Gesprächs ist die konkrete eigene Erfahrung (Arbeit am Beispiel).
  5. Aus Alltagsurteilen werden die dahinter liegenden Grundsätze gewonnen („regressive Abstraktion“)
  6. Alle Teilnehmer/innen streben nach Wahrheit.
  7. Der angestrebte Konsens gilt als Indiz für eine „wahre“ Aussage.

Darüber hinaus soll das selbsttätige Denken gefördert werden. Folgende vier Grundaussagen geben dabei eine Orientierung über die Selbsttätigkeit des Denkens.

  • Selber denken statt Kenntnisse suchen
  • Miteinander denken statt gegeneinander denken
  • Konkret denken statt abstrakt denken
  • Wahrheitsorientiert denken statt Meinungen austauschen

Anforderungen an die Teilnehmer

An die Teilnehmer des Sokratischen Gesprächs stellen sie folgende Anforderungen.

  1. nur eigene Überzeugungen äußern („Autoritäten“ gelten nicht als Begründung)
  2. aktives Zuhören gegenüber jedem/r Teilnehmer/in (Zustimmungsfähigkeit überprüfen)
  3. Wahrhaftigkeit (bei Nicht-Verstehen Rückfragepflicht)
  4. das „bessere Argument“ soll Standpunktveränderungen ermöglichen
  5. keiner soll – um des schnellen Konsenses willen – Zweifel oder Gegenargumente zurückhalten
  6. knappe Beiträge zur Sache (nur einen Aspekt, keine „Vorträge“)
  7. klare und verständliche Formulierung aller Aussagen
  8. Ernst nehmen aller Personen und Standpunkte im Gespräch

Ein guter Leiter

Beide beschreiben acht pädagogische Interventionen, die einen guten Leiter eines Sokratischen Gesprächs ausmachen:

  1. inhaltliche Zurückhaltung des Gesprächsleiters (Gebot der Zurückhaltung)
  2. Ausgehen vom Konkreten einfordern (im Konkreten Fuß zu fassen)
  3. volles Ausschöpfen des Gesprächs (das Gespräch als Hilfsmittel des Denkens)
  4. den „roten Fachen“ sichtbar machen (Festhalten der gerade erörterten Frage)
  5. hinstreben auf Konsens
  6. formale Hilfestellungen im Gesprächsverlauf (Lenkung)
  7. Schaffung einer vertrauensvollen Atmosphäre
  8. Einbezug und sichtbarwerden aller Akteure ermöglichen

Typische Fragen

Nach Nelson und Heckmann hier eine kurze Auflistung von beispielhafter Fragen des Moderators:

  • Hat jemand eine Frage?
  • Wer hat verstanden, was eben gesagt worden ist?
  • Was hat das mit der Frage zu tun?
  • Auf welches Wort kommt es Ihnen an?
  • Wer hat zugehört?
  • Wissen Sie selbst noch, was sie eben gesagt haben?
  • Von welcher Frage sprechen wir eigentlich?

Nutzen und Wirkung

Sokratische Dialoge gehen in die Tiefe, in die persönliche Tiefe. Deshalb wirken sie weit über das Gespräch nach. Sokratischen Dialogpartner werden kritischere Gesprächspartner, sie hören genauer hin. Phrasen oder leere Schlagworte hinterfragen sie offen. Dogmatische Positionen sprechen sie an.

Durch die Erfahrung, die Dinge selbst hinterfragen zu können, wird das Selbstvertrauen gestärkt. Das selbsttätige Denken und Argumentieren fördert die eigene Urteilsbildung. Sie erkennen in den Sokratischen Gesprächen die Bedeutung von Unterschiedlichkeit und den Gewinn durch Geduld und stilles nachdenken.

Dadurch fällt dem Sokratischen Gegenüber ein Perspektivenwechsel leichter. Er stellt generell klare, treffende Fragen und vielen macht es eine große Freude, sich mit ihm auszutauschen.

Bei all dem gilt jedoch: Ein sokratischer Dialog ist keine Therapie und ersetzt diese ebenso nicht. Es wird keine Psychologie angewendet oder psychologisch betreut. Teilweise findet es im NLP (Neurolinguistische Programmierung) und im Coaching Anwendung.

Beispiele für Themen im sokratischen Dialog

Für Sokratische Gespräche gibt es keinen festen Fragenkatalog. Die konkrete Frage ergibt sich aus der Zusammensetzung der Teilnehmer. Generell sind Fragen zu wählen, die im philosophischen Bereich beantwortet werden können. D. h. weniger geeignet sind Fragen, zu deren Beantwortung Experimente, Erhebungen, Messungen erforderlich sind.

Ein kleiner Einblick in mögliche Fragen:

  • Wohin führt die Digitalisierung?
  • Gibt es die „gute“ Lüge?
  • Dürfen wir streiten?
  • Von Beginn das Ende meiner Freiheit?
  • Wie viel Sicherheit brauchen wir, damit wir frei sein können?
  • Gibt es berechtigte Ungleichheiten?
  • Woran erkenne ich Unrecht?
  • Wo liegen die Grenzen von Toleranz?

Aus der Praxis

Ein offenes, neugieriges Gespräch wird zunehmend zur Seltenheit. Ein Gespräch, dass an wirklicher Selbsterkenntnis interessiert ist. Ein Gespräch, dass nicht durch dogmatische Positionen bestimmt wird. Indem wirkliche Begegnung gefördert und ermöglicht wird.

Über unsere Kultur, unsere Gesprächskultur ein Vortrag von Carolin Emcke zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2016.

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Zwei Auszüge aus dieser Rede von Carolin Emcke, welche die Bedeutung von guten Gesprächen in unserer Kultur treffend beschreiben:

„„Reden,“ schrieb Ingeborg Bachmann in einer ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesungen, „Reden hieße: Sonden vorantreiben, die, sich am Weg reibend, die Sondierung herstellen.” Eine Sonde, das ist ein Gerät, mit dem es möglich ist, in entlegene Regionen oder in uneinsehbare Zonen zu schauen. Mit einer Sonde lässt sich etwas beobachten oder gar dingfest machen, auf das man sonst keinen Zugriff hätte. Ein Sonde dringt vor, wie ein verlängerter Arm oder wie ein wanderndes Auge, und entdeckt, was zuvor nicht zu ahnen oder verstehen war.
Das wäre schön, wenn das tatsächlich noch gelänge: langsam, mit der Sonde der Sprache, nachdenklich, auf Erkundung zu gehen, in die entlegensten Winkel der unverständlichen Phänomene der Wirklichkeit, in die unzugänglichen Zonen der Gesellschaft zu dringen – und nach und nach so die Realität abzusuchen nach Antworten auf die Fragen, die uns zurzeit vermutlich alle bedrängen.“

Von Sonden zu sondieren.

„Wann, so würde ich auch fragend sondieren wollen, ist ein offenes, neugieriges Gespräch, eines, das an Erkenntnis interessiert ist und nicht an wechselseitigen Vorwürfen und Verdächtigungen, eigentlich altmodisch oder unmöglich geworden? In der gegenwärtigen polarisierten Diskussions-Kultur scheint das kaum mehr möglich: dieses Reden, das noch tastend und suchend, sich bewegt, das Sonden vorantreibt, die, sich am Weg reibend, die Sondierung erst herstellt.“

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Zusammenfassung

Wenn es um mehr als den Austausch von Meinungen gehen soll, sondern wirkliches gemeinsames Denken erwünscht ist, dann eignet sich das Sokratische Gespräch 2.0 (nach Nelson) sehr gut als Rahmen dafür. Eine definierte Vorgehensweise unterstützt beim gemeinsamen Denken und fördert das selbsttätige Denken. Es gibt wenige Formate, die diese Art von Denken so strukturiert fördern.

Haben Sie Lust auf ein Sokratisches Gespräch? Kontaktieren Sie mich.

Wichtige Personen

  • Sokrates (470 – 399 vor unserer Zeitrechnung)
  • Platon (427 – 347 vor unserer Zeitrechnung), Schüler von Sokrates
  • Immanuel Kant (1724 – 1804)
  • Jakob Friedrich Fries (1773 – 1843)
  • Leonard Nelson (1882 – 1927), geistiger Schüler von Immanuel Kant und Jakob Friedrich Fries
  • Gustav Heckmann (1898 – 1996), Schüler von Leonard Nelson
  • Detlef Horster (1942), Schüler von Gustav Heckmann

Weiterführende Quellen

Erläuterungen zum Thema

Organisationen

Literatur

  • Nelson, Leonard. 1996. Die sokratische Methode. 2. Aufl. Kassel-Bettenhausen: Weber, Zucht u. Co.
  • Heckmann, Gustav. 1981. Das sokratische Gespräch: Erfahrungen in philosophischen Hochschulseminaren. Hannover: Schroedel.
  • Stavemann, Harlich H. 2002. Sokratische Gesprächsführung in Therapie und Beratung: eine Anleitung für Psychotherapeuten, Berater und Seelsorger. 1. Aufl. Weinheim ; Basel ; Berlin: Beltz, PVU.
  • Horster, Detlef. 1994. Das Sokratische Gespräch in Theorie und Praxis. Opladen: Leske + Budrich.
  • Antic, Andreas. Das Sokratische Gespräch. fiph.JOURNAL Ausgabe Nr. 28, Oktober 2016. 36 – 37. Erfahrungsbericht aus dem fiph.JOURNAL

Artikelbild von Photo by Seemi Samuel on Unsplash

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