Was ist ein Sokratisches Gespräch?

Was ist ein Sokratisches Gespräch?

Das Sokratische Gespräch geht auf Sokrates (469 bis 399 vor unserer Zeitrechnung) im antiken Athen zurück. Von Sokrates gibt es keine schriftliche Ausführungen. Platon (427 bis 347 vor unserer Zeitrechnung) hat es als erster schriftlich niedergelegt (Sokratisches Gespräch 1.0). Lange Zeit war es ein bekanntes Modell für die Gesprächsführung, welches oft mit Hebammenkunst (Mäeutik) bezeichnet wird. Bis es Kaiser Justinian I. im Jahre 529 nach unserer Zeitrechnung im Zuge des Verbots der Platonischen Akademie untersagte. Damit endete diese Art und Weise zu philosophieren, seinen Geist zu stärken und selbsttätig zu denken.

Es dauerte über 1000 Jahre, bis im Zuge der Aufklärung Immanuel Kant (1724 bis 1804) das Sokratische Gespräch wieder aufgriff. Jakob Friedrich Fries (1773 bis 1843) passte das Sokratische Gespräch an die Gegenwart an und inspirierte damit Leonard Nelson (1882 bis 1927), der es zur Sokratischen Methode (oder zum Neo-Sokratischen Gespräch, Sokratisches Gespräch 2.0) weiterentwickelte. In unsere Zeit trug es Gustav Heckmann (1898 bis 1996) und ergänzte es um Elemente der Themenzentrierten Interaktion (nach Ruth Cohn), insbesondere um das Metagespräch.

Seine Wirkungsweise kann aus dem Höhlengleichnis von Platon (Politeia – Der Staat, Siebtes Buch, 514a – 517a) abgeleitet werden: Jeder muss das Licht der Welt selbst erblicken! In diesem Sinne kann jeder wirkliche Erkenntnis nur durch sich selbst erlangen.

 

Was ist ein Sokratisches Gespräch 1.0?

Ausgehend von den Platonischen Dialogen ist das Sokratische Gespräch ein Gespräch zwischen (meist) zwei Personen, von denen einer Sokrates ist. Dieser führt lange Monologe, an deren Ende meist rhetorisch-geschlossene Fragen stehen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können. Zu Beginn entsteht der Eindruck Sokrates fragt seinen Gesprächspartner als der Nicht-Wissender. Doch im Laufe des Gesprächs wandelt sich die Rolle von Sokrates. Der Gesprächspartner erkennt sein Nicht-Wissen und Sokrates hat ihn mit seinen Aussagen und Fragen verwirrt und Zweifel und Staunen ausgelöst. Damit stellt Sokrates Ausgangsbedingungen für neue Erkenntnisse her.

Zwei wesentliche Elemente des Sokratischen Gesprächs 1.0:

  1. Die Erkenntnis der Unwissenheit, Ratlosigkeit (Aporie) beim Gesprächspartner. Er dadurch entsteht wirkliches denken und hinterfragen. Darum heißt es, dass Sokratische Gespräche aporetisch enden.
  2. Im Zustand der Aporie führt Sokrates den Gesprächspartner nicht zu abstrakten Themen, sondern schärft seine Beobachtungsgabe durch hypothetischer Beispiele aus handwerklichen Berufen. Sein Weg führt vom Allgemeinen zum Besonderen. Deshalb gilt er bei einigen als Vater der Deduktion. Sokrates regte an, die eigenen Gedanken fortwährend an der Beobachtung seiner Realität zu prüfen.

Wer selbst diese Dialoge nachlesen möchte, dem empfehle ich die Dialog des Menon oder des Theaitetos.

 

Die Weiterentwicklung: Das Sokratische Gespräch 2.0

In der Linie Immanuel Kant, Jakob Friedrich Fries, Leonard Nelson, Gustav Heckmann und Detlef Horster wurde das Sokratische Gespräch in die Neuzeit gebracht.

Vor allem Leonard Nelson leistete dabei wesentliche Anpassungen des Sokratischen Gesprächs an unsere Zeit.

Ein klares Bild des Sokratischen Gesprächs nach Nelson ergibt sich am besten aus einer kurzen Gegenüberstellung zum Sokratischen Gespräch nach Platon:

DAs Sokratische Gespräch nach PlatonDas Sokratische GEspräch nach Nelson
ZielsetzungDurch Fragen zum selbstdenken anregenErkenntnisgewinn, selbsttätiges Denken, Suche nach Gemeinsamkeiten
LernmodellSokrates zu Beginn der Schüler, übernimmt dann die LehrerrolleErkenntnis muss in der Person selbst entstehen, kann nicht eingetrichtert werden
Erkenntniskonzeptdie Suche nach allgemeinen Wahrheiten, wichtig sind Definitionen von Begriffenerzeugt keine neuen Erkenntnisse, sondern befördert das, was ursprünglicher Besitz der Person ist; Erkenntnisse als Hier-und-Jetzt Wahrheiten
Kommunikationsformasymmetische Kommunikation, Sokrates dominiert inhaltlich und durch Fragengleichwertige Akteure, keine inhaltliche Aussagen durch Leitung
AntwortmöglichkeitenZustimmung oder Ablehnung, was zur Antwort führt, spielt keine Rolleinhaltliche Auseinandersetzung erforderlich, eigene Gedanken wichtig
Leitungsinterventioneninhaltliche Monologe und geschlossene Frageninvolvierende offene Fragen
Anzahl Personenmeist 2 Personen, selten mehrGruppe von 6 bis 10 Personen
Argumentationhypothetische Beispiele aus handwerklichen BerufenBeispiele aus eigener Erkenntnis, eigenem Alltag
Gruppendynamikzu wenige Personen am Gespräch beteiligtLeitung entfesselt Frage- und Antwortspiel in der Gruppe
SchutzfunktionLeitung schützt vor Irrwegen und Sackgassen, nimmt diese verbal vorwegLeitung schützt nicht vor Irrwegen und Sackgassen, sind wichtiger Teil der Erkenntnis
Elementedas Sokratische Gesprächdie Sokratische Methode, Methode der regressiven Abstraktion, Metagespräch

Im Folgenden beziehen sich alle Ausführungen auf das Sokratische Gespräch nach Nelson (Sokratisches Gespräch 2.0).

 

Typischer Ablauf

Auf Basis der Fragestellung berichten die Teilnehmer des Sokratischen Gesprächs über ihre persönlichen Erfahrungen zum Thema. Die Erfahrungen weisen einen klaren Themenbezug auf, sie entspringen dem eigenen Erleben, ist bereits abgeschlossen (jedoch nicht zu weit entfernt), wahrt die persönliche Intimität, kann allgemein nachvollzogen werden und ist nicht zu komplex. Zur Vertiefung wählen die Teilnehmer eine dieser Erfahrungen aus.

Die Vertiefung umfasst die Klärung von Begriffen, die Sondierung zwischen Beobachtungen, Erklärungen und Bewertungen (Urteile). Wichtig ist dabei die Offenlegung von Wertung und Prinzipien, die hinter den Beobachtungen, Erklärungen und Bewertungen stehen (regressive Abstraktion). Am Ende folgt ein Gesprächsabschluss mit Würdigung der Erkenntnisse und der noch offenen Fragen. Bei Bedarf formuliert die Gruppe Fragen zum Nachklang des Sokratischen Gesprächs.

Wichtige Aussagen werden schriftlich für alle sichbar festgehalten (roter Faden). Ziel ist nicht eine gemeinsame Meinung, sondern gemeinsames Denken. Am Ende findet ein Metagespräch statt, bei dem über das Sokratische Gespräch und dessen Ablauf, die Gruppendynamik und das Miteinander gesprochen wird. Dies leitet meist ein Teilnehmer des Sokratischen Gesprächs.

 

Konstitutive Regeln und selbsttätiges Denken

Diese Regeln erachten Nelson und Heckmann als Grundlage für das Sokratische Gespräch:

  1. Jeder vernunftbegabte Mensch (ohne besondere philosophische Vorbildung) kann teilnehmen
  2. Alle Teilnehmer/innen sind gleichberechtigt in ihrem Bemühen um Erkenntnis.
  3. Alle Teilnehmer/innen sind zur Begründung ihrer Aussagen verpflichtet.
  4. Ausgangspunkt des Gesprächs ist die konkrete eigene Erfahrung (Arbeit am Beispiel).
  5. Aus Alltagsurteilen werden die dahinter liegenden Grundsätze gewonnen („regressive Abstraktion“)
  6. Alle Teilnehmer/innen streben nach Wahrheit.
  7. Der angestrebte Konsens gilt als Indiz für eine „wahre“ Aussage.

Darüber hinaus soll das selbsttätige Denken gefördert werden. Folgende vier Grundaussagen geben dabei eine Orientierung über die Selbsttätigkeit des Denkens.

  • Selber denken statt Kenntnisse suchen
  • Miteinander denken statt gegeneinander denken
  • Konkret denken statt abstrakt denken
  • Wahrheitsorientiert denken statt Meinungen austauschen

 

Anforderungen an die Teilnehmer

An die Teilnehmer des Sokratischen Gesprächs stellen Nelson und Heckmann folgende Anforderungen.

1. nur eigene Überzeugungen äußern („Autoritäten“ gelten nicht als Begründung)
2. aktives Zuhören gegenüber jedem/r Teilnehmer/in (Zustimmungsfähigkeit überprüfen)
3. Wahrhaftigkeit (bei Nicht-Verstehen Rückfragepflicht)
4. Das „bessere Argument“ soll Standpunktveränderungen ermöglichen
5. Keiner soll um des schnellen Konsenses Willen Zweifel oder Gegenargumente zurückhalten
6. knappe Beiträge zur Sache (nur einen Aspekt, keine „Vorträge“)
7. Klare und verständliche Formulierung aller Aussagen
8. Ernstnehmen aller Personen und Standpunkte im Gespräch

 

Ein guter Leiter

Nelson und Heckmann beschreiben sechs pädagogische Maßnahmen, die einen guten Leiter eines Sokratischen Gesprächs ausmachen:

1. Inhaltliche Zurückhaltung des Gesprächsleiters (Gebot der Zurückhaltung)
2. Ausgehen vom Konkreten einfordern (im Konkreten Fuß zu fassen)
3. Volles Ausschöpfen des Gesprächs (Das Gespräch als Hilfsmittel des Denkens)
4. Den „roten Fachen“ sichtbar machen (Festhalten der gerade erörterten Frage)
5. Hinstreben auf Konsens
6. Formale Hilfestellungen im Gesprächsverlauf (Lenkung)

 

Typische Fragen

Nach Nelson und Heckmann hier eine kurze Auflistung von typischen Fragen:

  • Hat jemand eine Frage?
  • Wer hat verstanden, was eben gesagt worden ist?
  • Was hat das mit der Frage zu tun?
  • Auf welches Wort kommt es Ihnen an?
  • Wer hat zugehört?
  • Wissen Sie selbst noch, was sie eben gesagt haben?
  • Von welcher Fragen sprechen wir eigentlich?

 

Nutzen und Wirkung

Sokratische Gespräch gehen in die Tiefe, in die persönliche Tiefe. Deshalb wirken sie weit über das Gespräch nach. Sokratischen Gesprächspartner werden kritischere Gesprächspartner, sie hören genauer hin. Phrasen oder leere Schlagworte hinterfragen sie offen. Dogmatische Positionen sprechen sie an.

Durch die Erfahrung die Dinge selbst hinterfragen zu können, wird das Selbstvertrauen gestärkt. Das selbsttätige Denken und Argumentieren fördert die eigene Urteilsbildung. Sie erkennen in den Sokratischen Gesprächen die Bedeutung von Unterschiedlichkeit und den Gewinn durch Geduld und stilles nachdenken.

Dadurch fällt dem Sokratischen Gesprächspartner ein Perspektivenwechsel leichter. Er stellt generell klare, treffende Fragen und vielen macht es eine große Freude, sich mit ihm auszutauschen.

 

Mögliche Fragen

Für Sokratische Gespräche gibt es keinen festen Fragenkatalog. Die konkrete Frage ergibt sich aus der Zusammensetzung der Teilnehmer. Generell sind Fragen zu wählen, die im philosophischen Bereich beantwortet werden können. D. h. weniger geeignet sind Fragen, zu deren Beantwortung Experimente, Erhebungen, Messungen erforderlich sind.

Ein kleiner Einblick in mögliche Fragen:

  • Wohin führt die Digitalisierung?
  • Gibt es die “gute” Lüge?
  • Dürfen wir streiten?
  • Von Beginn das Ende meiner Freiheit?
  • Wie viel Sicherheit brauchen wir, damit wir frei sein können?
  • Gibt es berechtigte Ungleichheiten?
  • Woran erkenne ich Unrecht?
  • Wo liegen die Grenzen von Toleranz?

 

Zusammenfassung

Wenn es um mehr als den Austausch von Meinungen gehen soll, sondern wirkliches gemeinsames Denken erwünscht ist, dann eignet sich das Sokratische Gespräch 2.0 (nach Nelson) sehr gut als Rahmen dafür. Eine definierte Vorgehensweise unterstützt beim gemeinsamen Denken und fördert das selbsttätige Denken. Es gibt wenige Formate, die diese Art von Denken so strukturiert fördern.

Haben Sie Lust auf ein Sokratisches Gespräch? Kontaktieren Sie mich.

 

Wichtige Personen

  • Sokrates (470 – 399 vor unserer Zeitrechnung)
  • Platon (427 – 347 vor unserer Zeitrechnung), Schüler von Sokrates
  • Immanuel Kant (1724 – 1804)
  • Jakob Friedrich Fries (1773 – 1843)
  • Leonard Nelson (1882 – 1927), geistiger Schüler von Immanuel Kant und Jakob Friedrich Fries
  • Gustav Heckmann (1898 – 1996), Schüler von Leonard Nelson
  • Detlef Horster (1942), Schüler von Gustav Heckmann

 

Weiterführende Quellen

  • Erläuterungen zum Thema
    • Vergleich Sokrates, Platon, Nelson, Heckmann und Literaturverzeichnis, http://www.geistige-hebammenkunst.de/
    • Begriffsklärung und Abgrenzung, Auf Sowi-Online von Susanne Popp
    • Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Sokratisches_Gespr%C3%A4ch
  • Organisationen
    • Philosophisch-Politischen Akademie und Gesellschaft für Sokratisches Philosophieren, http://www.philosophisch-politische-akademie.de/gsp.html
  • Literatur
    • Nelson, Leonard. 1996. Die sokratische Methode. 2. Aufl. Kassel-Bettenhausen: Weber, Zucht u. Co.
    • Heckmann, Gustav. 1981. Das sokratische Gespräch: Erfahrungen in philosophischen Hochschulseminaren. Hannover: Schroedel.
    • Stavemann, Harlich H. 2002. Sokratische Gesprächsführung in Therapie und Beratung: eine Anleitung für Psychotherapeuten, Berater und Seelsorger. 1. Aufl. Weinheim ; Basel ; Berlin: Beltz, PVU.
    • Horster, Detlef. 1994. Das Sokratische Gespräch in Theorie und Praxis. Opladen: Leske + Budrich.
    • Antic, Andreas. Das Sokratische Gespräch. fiph.JOURNAL Ausgabe Nr. 28, Oktober 2016. 36 – 37. Erfahrungsbericht aus dem fiph.JOURNAL
  • Artikelbild von Photo by Seemi Samuel on Unsplash

Aus der Praxis

Ein offenes, neugieriges Gespräch wird zunehmend zur Seltenheit. Ein Gespräch, dass an wirklicher Erkenntnis interessiert ist. Ein Gespräch, dass nicht durch dogmatische Positionen bestimmt wird. Indem wirkliche Begegnung gefördert und ermöglicht wird.

Über unsere Kultur, unsere Gesprächskultur ein Vortrag von Carolin Emcke zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2016.

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